Martin Scorseses Hugo Cabret aus dem Jahr 2011 ist ein ungewöhnliches Projekt: ein 3D-Familienfilm von einem Regisseur, der ansonsten für Gangsterepen und psychologische Dramen bekannt ist. Die Geschichte eines Waisenjungen, der im Pariser Bahnhof Montparnasse lebt, Uhren repariert und Automaten zum Leben erweckt, ist auf dem Papier märchenhaft. Darunter liegt eine Hommage an Georges Méliès und die frühe Filmgeschichte – und genau darin liegt sowohl der Reiz als auch das Problem des Films.
Die Besetzung von Hugo Cabret liest sich wie eine Zusammenfassung britischer Charakterdarsteller der alten Schule, ergänzt durch zwei junge Gesichter und Sacha Baron Cohen in einer Rolle, die zwischen Komödie und Pathos pendelt. Was auf dem Papier glänzt, funktioniert auf der Leinwand mal überzeugend, mal kalkuliert. Jonas Falk schaut genauer hin.
Die Besetzung von Hugo Cabret – zwischen Anspruch und Konstruktion
Wenn ein Film mit Ben Kingsley, Christopher Lee, Jude Law, Ray Winstone, Emily Mortimer, Helen McCrory, Frances de la Tour und Richard Griffiths besetzt ist, stellt sich unweigerlich die Frage: Ist das dramaturgische Notwendigkeit – oder Prestige um des Prestiges willen?
Die Besetzung von Hugo Cabret ist dicht. Fast zu dicht. Scorsese hat ein Ensemble versammelt, das in seiner Breite signalisiert: Dieser Familienfilm ist kein gewöhnlicher Familienfilm. Das ist einerseits respektabel, andererseits erzeugt es eine merkwürdige Schieflage. Viele der gestandenen Darsteller bekommen so wenig Raum, dass ihre Präsenz mehr dekorativer Natur ist als dramatisch notwendig.
Was tatsächlich funktioniert: die Chemie zwischen Asa Butterfield und Chloé Grace Moretz. Die beiden jungen Hauptdarsteller tragen den Film mit einer natürlichen Energie, die angenehm unaufdringlich ist. Ben Kingsley als Georges Méliès bringt die nötige Würde und Melancholie mit – und ist der einzige Erwachsene im Cast, dessen Figur wirklich erzählerisches Gewicht hat.
Was weniger funktioniert: die Fülle an Nebenrollen, die als Typen angelegt sind und nie als Menschen. Jude Law erscheint in Rückblenden als Hugos Vater, Ray Winstone als sein Onkel – beides Figuren, die eher narrative Platzhalter als echte Charaktere sind. Christopher Lee darf als Buchladenbesitzer kurz auftreten und hinterlässt den Eindruck eines Cameos, das hauptsächlich dem Prestige dient.
Die Entscheidung, diesen Stummfilm-Liebesbrief an die Filmgeschichte mit einem solchen Staraufgebot auszustatten, ist verständlich – aber sie erzeugt auch eine gewisse Unaufrichtigkeit. Nicht jede Besetzungsentscheidung hier ist dramaturgisch begründet.
Tabelle der Besetzung mit Bewertung
| Schauspieler | Rolle | Bewertung | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Asa Butterfield | Hugo Cabret | 7/10 | Überzeugend präsent, trägt den Film ohne Übertreibung |
| Chloé Grace Moretz | Isabelle | 7/10 | Natürlich, intelligent gespielt – gute Gegenenergie zu Butterfield |
| Ben Kingsley | Georges Méliès | 8/10 | Würdevoll und melancholisch – die stärkste erwachsene Leistung |
| Sacha Baron Cohen | Gustave Dasté, Inspektor | 6/10 | Funktioniert als komische Entlastung, bleibt aber klischeehaft |
| Jude Law | Hugos Vater | 5/10 | Zu wenig Screentime, um mehr als ein Symbol zu sein |
| Ray Winstone | Onkel Claude | 5/10 | Eindimensional angelegt, kaum Raum für Tiefe |
| Emily Mortimer | Lisette | 6/10 | Charmant, aber narrativ eher Beiwerk |
| Christopher Lee | Monsieur Labisse | 6/10 | Prestigebesetzung mit minimalem Auftritt |
| Helen McCrory | Mama Jeanne | 6/10 | Solide, aber unterentwickelt |
| Frances de la Tour | Madame Emile | 5/10 | Komische Randnotiz, mehr Karikatur als Charakter |
| Richard Griffiths | Monsieur Frick | 5/10 | Ähnlich: Typ statt Mensch |
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Die Hauptdarsteller im Fokus
Asa Butterfield als Hugo Cabret
Asa Butterfield war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten kein Unbekannter – Der Junge im gestreiften Pyjama hatte ihm bereits eine gewisse Bekanntheit verschafft. Als Hugo Cabret spielt er einen Waisenjungen, der in den Wänden des Pariser Bahnhofs lebt, Uhren repariert und einen Automaten zu vervollständigen versucht, den sein Vater hinterlassen hat.
Butterfield macht seine Sache gut. Er hat eine stille Intensität, die nicht aufgesetzt wirkt. Hugo als Figur ist konzeptionell etwas überdehnt – er muss gleichzeitig verlorenes Kind, mechanisches Genie und emotionaler Anker des Films sein. Butterfield trägt diese Last mit bemerkenswerter Ruhe, ohne je theatralisch zu werden. Sein Spiel ist zurückgenommen, was in einem visuell so aufwendigen Film wie diesem eine kluge Entscheidung ist.
Der Charakter selbst ist allerdings nicht vollständig durchdacht. Hugo ist vor allem Projektion – des Regisseurs Liebe zur Filmgeschichte, der Idee des verlorenen Kindes, das seinen Platz in der Welt sucht. Das ist keine Kritik an Butterfield, sondern am Drehbuch von John Logan.
Bewertung: 7/10
Chloé Grace Moretz als Isabelle
Chloé Grace Moretz spielt Isabelle, die Patentochter von Georges Méliès, die Hugo auf seinem Weg begleitet. Moretz bringt eine Energie mit, die der Film dringend braucht: lebhaft, neugierig, leicht widerspenstig.
Im Gegensatz zu Hugo, der eher reaktiv und introvertiert angelegt ist, wirkt Isabelle aktiv und deutlich plastischer als Figur. Das liegt nicht zuletzt an Moretz, die damals bereits eine beachtliche Karriere hinter sich hatte und Rollenanforderungen instinktiv versteht.
Auch hier gilt: Die Figur ist nicht frei von Konstruktion. Isabelle ist die Schlüsselfigur, die Hugo zu Méliès führt – ihre narrative Funktion ist klar. Aber Moretz gelingt es, dass man diese Funktion nicht ständig spürt. Das ist keine Kleinigkeit.
Bewertung: 7/10
Ben Kingsley als Georges Méliès
Ben Kingsley ist die emotionale Mitte des Films – und das ist berechtigt. Er spielt Georges Méliès, den realen Pionier des Stummfilms, der nach dem Ersten Weltkrieg in Vergessenheit geraten ist und nun als verbitterter Spielzeughändler am Bahnhof arbeitet.
Kingsley spielt Méliès als Mann, der sich selbst verloren hat. Die Bitterkeit sitzt tief, aber nie laut – das ist die Stärke dieser Leistung. Wenn der Film in der zweiten Hälfte mehr zu einer Hommage an Méliès und die Filmgeschichte wird als zu einer Geschichte über Hugo, ist das auch deshalb erträglich, weil Kingsley dieser Wendung das nötige Gewicht verleiht.
Ob die Figur vollständig überzeugt, ist eine andere Frage. Méliès wird im Film fast heiliggesprochen – seine Wandlung vom verbitterten Alten zum wiederentdeckten Künstler ist etwas zu glatt. Scorsese und Logan wollen hier offenkundig Filmgeschichte feiern, und dieser Impuls verdrängt gelegentlich die dramatische Konsequenz. Aber das ist kein Versagen Kingsleys.
Bewertung: 8/10
Sacha Baron Cohen als Inspektor Gustave Dasté
Sacha Baron Cohen als Bahnhofsinspektor ist die kontroverseste Besetzungsentscheidung des Films. Er spielt eine komische Figur, die strenge Ordnung im Bahnhof aufrechterhalten will und gleichzeitig eine eigene Liebesgeschichte entwickelt – mit Emily Mortimers Figur Lisette.
Baron Cohen macht aus dieser Rolle mehr als das Drehbuch hergibt. Aber die Figur ist grundlegend zweigeteilt: Einerseits soll er bedrohlich sein, andererseits rührselig. Das funktioniert nur bedingt. Der Inspektor bleibt zu sehr Typ, zu sehr Clown mit Herz, um wirklich zu überraschen. Baron Cohens komisches Timing ist gut – aber in einem Film, der gleichzeitig über die Einsamkeit des Verlustes und die Magie des frühen Kinos spricht, wirkt seine Subplot-Komödie wie aus einem anderen Film.
Bewertung: 6/10
Einen ähnlichen Blick auf ein Ensemble aus bekannten Namen lohnt sich auch beim Artikel über die Besetzung von The Jungle Book.
Nebenrollen – echte Figuren oder bloße Funktionen?
Die Fülle der Nebenrollen in Hugo Cabret ist eines der deutlichsten Symptome eines Films, der sein Prestige nach außen trägt.
Jude Law als Hugos Vater erscheint ausschließlich in Rückblenden und hat kaum Screentime. Seine Funktion ist es, Hugos Einsamkeit und seine Verbindung zum Automaten zu erklären. Das ist eine rein narrative Rolle, und Jude Law ist ein zu guter Schauspieler, um dafür wirklich nötig zu sein. Die Besetzung signalisiert Klasse – mehr nicht.
Ray Winstone als Onkel Claude ist noch flüchtiger. Er ist der Grund, warum Hugo allein am Bahnhof lebt. Auch hier: Platzhalter.
Frances de la Tour und Richard Griffiths als komisches älteres Pärchen am Bahnhof sind eine Randgeschichte, die wenig mit der Haupthandlung zu tun hat. Sie sind sympathisch, aber ihr Beitrag zur Filmerzählung ist minimal. Man spürt, dass Scorsese ein Ensemble-Gefühl erzeugen wollte, das an klassische britische Komödien erinnert. Das gelingt nur bedingt.
Christopher Lee als Buchladenbesitzer Monsieur Labisse verdient eine eigene Erwähnung – nicht wegen des Umfangs seiner Rolle, die minimal ist, sondern wegen des offensichtlichen Respekts, den seine Anwesenheit im Cast signalisiert. Lee ist eine lebende Filmgeschichte. In einem Film über Filmgeschichte wirkt das wie ein bewusster Kommentar. Das ist charmant – aber es ist kein Schauspiel, es ist Symbolik.
Helen McCrory als Mama Jeanne, die Frau von Méliès, hat etwas mehr Substanz. Ihr Misstrauen gegenüber Hugo und ihre schrittweise Öffnung ist eine der wenigen Nebenhandlungen, die eine echte Entwicklung zeigen. Sie ist unterbewertet im allgemeinen Diskurs über den Film.
Filmografie – Entwicklung oder Stillstand?
Asa Butterfield
- Der Junge im gestreiften Pyjama – frühe Bekanntheit durch stille, introvertierte Rolle
- Hugo Cabret (2011) – Hauptrolle als Waisenjunge im Pariser Bahnhof
- Ender’s Game (2013) – Fortsetzung des nachdenklichen Außenseiters
- Sex Education (TV, ab 2019) – bestätigt die Stärke in ruhigen, introvertierten Charakteren
Von Typecasting kann man durchaus sprechen. Er spielt oft den nachdenklichen Außenseiter. Das ist keine Einschränkung per se, aber eine erkennbare Linie.
Chloé Grace Moretz
- Kick-Ass – zeigt früh Bandbreite jenseits des cleveren Sidekicks
- Hugo Cabret (2011) – eher konventionelle Rolle für ihre Möglichkeiten
- Carrie – breitere Karriere in anspruchsvolleren Rollen
- Clouds of Sils Maria – beweist, dass sie mehr kann als Ensembleunterstützung
Ben Kingsley
- Oscar für Gandhi (1983) – Ausgangspunkt einer langen Karriere als Charakterdarsteller von Format
- Hugo Cabret (2011) – einer seiner würdigeren späteren Auftritte
Sacha Baron Cohen
- Hugo Cabret (2011) – zeigt, dass er außerhalb seiner Satirefiguren funktionieren kann
- Bleibt primär als komischer Charakter wahrgenommen; ob dieser Film eine echte neue Richtung markiert, ist im Rückblick fraglich
Christopher Lee und Richard Griffiths
Beide Schauspieler sind inzwischen verstorben. Ihr Auftritt in Hugo Cabret ist damit auch ein kleines Stück Filmgeschichte – was angesichts des Themas des Films eine unbeabsichtigte Pointe ergibt.
Weitere Gedanken zur Besetzung visuell aufwendiger Familienfilme finden sich im Artikel über die Besetzung von Aladdin 2019.
Funktioniert das Ensemble als glaubwürdige Einheit?
Die ehrliche Antwort lautet: teilweise.
Das Kern-Trio – Butterfield, Moretz, Kingsley – funktioniert. Die Dynamik zwischen Hugo und Isabelle wirkt natürlich, die schrittweise Annäherung an Méliès hat dramaturgische Logik. Hier fühlt sich der Film wie eine Geschichte an.
Die Randhandlungen hingegen wirken wie ein separater Film, der parallel läuft. Die Liebesgeschichte zwischen dem Inspektor und Lisette, das komische Pärchen de la Tour/Griffiths, Lees Kurzauftritt – all das gehört eher zu einer episodischen Bahnhofswelt, die Scorsese offenbar liebte, die aber narrativ nicht wirklich integriert ist.
Das Ensemble wirkt in seiner Gesamtheit weniger wie ein organisch gewachsenes Kollektiv und mehr wie eine bewusst zusammengestellte Hommage an britisches Charakterfach. Das ist ästhetisch ansprechend, dramaturgisch aber gelegentlich zerstreuend.
Wenn die Aussage die Geschichte verdrängt – ein wiederkehrendes Problem
Hugo Cabret leidet an einem Problem, das viele ambitionierte Regisseure irgendwann haben: Die Liebe zum Thema überwältigt die Erzählung.
Scorsese liebt das frühe Kino. Er liebt Georges Méliès. Er liebt die Idee, dass Filme Träume bewahren und Menschen verbinden. Das ist aufrichtig – und man merkt es dem Film an. Aber dieser Impuls führt dazu, dass Hugo als Figur in der zweiten Filmhälfte zunehmend zur Nebensache wird. Der Film, der mit einer spannenden Geschichte über ein Waisenkind beginnt, wird zur Filmgeschichtsvorlesung mit emotionaler Untermalung.
Das ist keine Frage der Besetzung – das ist eine Frage des Drehbuchs und der Regie. Aber es erklärt, warum viele Charaktere letztlich Symbolträger bleiben. Hugos Vater steht für den Verlust. Méliès steht für die vergessene Kunst. Der Inspektor steht für Ordnung, die sich auflöst. Isabelle steht für neugierige Kindheit.
Symbole brauchen keine komplexen Charakterzüge. Menschen schon. Das ist der Riss, der sich durch Hugo Cabret zieht – und den auch ein noch so brillant besetztes Ensemble nicht vollständig kitten kann.
Das Ergebnis ist ein Film, der in seinen besten Momenten wirklich bewegt – und in seinen schwächeren Momenten zu sehr nach dem riecht, was er sein will: ein Liebesbrief ans Kino, ein Oscar-Film, ein Kinderfilm für Erwachsene. Alle drei auf einmal zu sein, ist schwieriger, als es aussieht.
Häufig gestellte Fragen zur Besetzung von Hugo Cabret
Wer spielt die Hauptrolle in Hugo Cabret?
Die Hauptrolle des Hugo Cabret wird von Asa Butterfield gespielt. Der britische Schauspieler war zum Zeitpunkt des Films etwa 14 Jahre alt und trägt den Film als stiller, introvertierter Charakter.
Wer spielt Georges Méliès in Hugo Cabret?
Ben Kingsley spielt den historischen Filmpionier Georges Méliès. Es ist die stärkste erwachsene Leistung im Film – würdevoll, melancholisch und glaubwürdig.
Wer hat bei Hugo Cabret Regie geführt?
Martin Scorsese führte Regie. Das Drehbuch stammt von John Logan, basierend auf dem Roman Die Entdeckung des Hugo Cabret von Brian Selznick. Die Kameraarbeit übernahm Robert Richardson.
Welcher Schauspieler überzeugt am meisten in Hugo Cabret?
Ben Kingsley als Georges Méliès ist die überzeugendste Leistung des Films. Asa Butterfield und Chloé Grace Moretz als Hugo und Isabelle folgen dicht dahinter.
Lohnt sich Hugo Cabret als Film?
Als visuelles Erlebnis und als Hommage an die Filmgeschichte ja. Als in sich geschlossene Erzählung mit überzeugenden Charakteren nur bedingt. Der Film ist in der zweiten Hälfte mehr Essay als Geschichte.
Hat Hugo Cabret Oscars gewonnen?
Ja. Der Film gewann bei der Oscarverleihung 2012 fünf Auszeichnungen, unter anderem für Kamera, Schnitt, Ton und Produktion. Die darstellerischen Leistungen wurden nicht ausgezeichnet.




