Der 15. April 2013 gehört zu jenen Daten, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben. Beim Boston-Marathon explodieren zwei Bomben nahe der Ziellinie. Drei Menschen sterben, Hunderte werden verletzt. Die Täter – die Brüder Dzhokhar und Tamerlan Tsarnaev – lösen eine mehrtägige Jagd aus, die eine ganze Stadt in Atem hält. Peter Berg verfilmt diesen Terroranschlag 2016 unter dem Titel Patriots Day – in Deutschland unter dem schlichten Namen Boston bekannt – als Actionthriller, der zugleich Drama und Biografie sein will.
Das ist ein ambitioniertes Vorhaben. Und wie so oft bei Filmen, die auf wahren Ereignissen basieren und gleichzeitig ein Statement über Gemeinschaft, Widerstandskraft und amerikanische Identität sein wollen, stellt sich die Frage: Funktioniert hier die Geschichte – oder wird sie vom Anspruch erdrückt? Und was leistet die Besetzung dabei?
Die Antwort ist, wie so häufig, komplizierter als das Marketing vermuten lässt.
Die Besetzung von Boston (Film) – zwischen Anspruch und Konstruktion
Wenn man sich die Besetzung von Boston anschaut, fällt zunächst die hohe Dichte an respektablen Namen auf. Mark Wahlberg, Kevin Bacon, John Goodman, J.K. Simmons – das ist kein Zufall und kein billiger Griff in die Schauspielerriege. Das ist eine Entscheidung, die Gewicht signalisieren soll. Glaubwürdigkeit durch Bekanntheit. Ernsthaftigkeit durch Starpower.
Das funktioniert bis zu einem bestimmten Punkt. Diese Schauspieler wissen, was sie tun. Sie liefern professionelle, handwerklich solide Arbeit ab. Das Problem liegt woanders: Bei einem Film, der so eng mit realen Ereignissen und realen Menschen verbunden ist, wird Casting zu einer doppelten Angelegenheit. Man schaut nicht nur auf die schauspielerische Leistung, sondern auch auf die Frage, ob der Darsteller die Realität trägt – oder sie überdeckt.
Mark Wahlberg spielt mit Sergeant Tommy Saunders eine Figur, die weitgehend fiktional ist – ein kompositorischer Charakter, der als Anker für den Zuschauer dient. Das ist ein dramaturgisch verständlicher Schritt. Es ist auch ein strategischer: Wahlberg bringt Publikum, bringt Wiedererkennungswert, bringt das Versprechen eines verlässlichen Protagonisten. Ob das der Geschichte dient oder ihr eine bestimmte Form aufzwingt – das ist die eigentliche Frage.
Die übrige Besetzung des Films bewegt sich zwischen funktional und stark. Wo einzelne Figuren als echte Menschen wirken, gelingt dem Film etwas Seltenes. Wo sie als symbolische Träger von Botschaften auftreten, verliert er an Tiefe.
Tabelle der Besetzung mit Bewertung
| Schauspieler | Rolle | Bewertung | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Mark Wahlberg | Sgt. Tommy Saunders | 6/10 | Solide, verlässlich – aber eine konstruierte Figur, die zu glatt ist für das Chaos um sie herum |
| Kevin Bacon | Special Agent Richard DesLauriers | 7/10 | Zurückhaltend und überzeugend – spielt Autorität ohne sie zu performen |
| John Goodman | Polizeichef Ed Davis | 7/10 | Einer der glaubwürdigsten Momente des Films; Goodman verleiht Gewicht ohne Pathos |
| J.K. Simmons | Sergeant Jeffrey Pugliese | 7/10 | Knapp, präzise, menschlich – eine der stärkeren Leistungen in einer Nebenrolle |
| Michelle Monaghan | Carol Saunders | 5/10 | Zu wenig Raum, zu viel Symbol – die besorgte Ehefrau als narrative Funktion |
| Alex Wolff | Dzhokhar Tsarnaev | 7/10 | Unheimlich ruhig, fast verstörend – eine der mutigeren Casting-Entscheidungen |
| Themo Melikidze | Tamerlan Tsarnaev | 6/10 | Körperlich präsent, aber die Figur bleibt an der Oberfläche |
| Jimmy O. Yang | Dun Meng | 6/10 | Emotional authentisch in einer begrenzten, aber wichtigen Szene |
Einen ähnlichen analytischen Blick auf eine Filmbesetzung bietet der Artikel über die Besetzung von Downton Abbey Film.
Die Hauptdarsteller im Fokus
Mark Wahlberg als Sgt. Tommy Saunders
Tommy Saunders existiert in dieser Form nicht in den realen Ereignissen. Er ist ein Amalgam – ein kompositorischer Charakter, der verschiedene echte Personen und Perspektiven bündelt. Das ist eine legitime dramaturgische Technik. Das Problem ist, wie er gezeichnet wird: mit einem verletzten Knie, einer liebevollen Ehefrau, einem moralischen Kompass ohne Kratzer.
Wahlberg spielt diese Figur so, wie Wahlberg Figuren spielt: mit physischer Präsenz, ernstem Blick und der Fähigkeit, in ruhigen Momenten tatsächlich präsent zu sein. Er ist kein schlechter Schauspieler. Aber Saunders ist eine Figur, die gebaut wirkt – die der Zuschauer durch den Film führen soll, ohne selbst wirklich komplex zu sein. In einem True-Story-Thriller, der so sehr auf Authentizität setzt, ist das ein Widerspruch, der nie ganz aufgelöst wird.
Wahlberg ist gut genug, um die Schwäche der Figur zu verbergen. Aber er ist nicht gut genug, um sie zu überwinden.
Bewertung: 6/10
Kevin Bacon als Special Agent Richard DesLauriers
Kevin Bacon spielt den leitenden FBI-Ermittler mit einer Zurückhaltung, die in diesem Genre selten ist. Er schreit nicht, er schwadroniert nicht, er performt keine Autorität. Er ist einfach da – präzise, beobachtend, manchmal frustriert.
Das ist handwerklich stärker als vieles, was um ihn herum passiert. DesLauriers ist eine reale Person, und Bacon gelingt es, diese Realität zu respektieren, ohne in Imitation zu verfallen. Er bleibt ein Schauspieler, der eine Rolle spielt – aber eine Rolle, die er ernst nimmt.
Die Figur selbst hat wenig emotionale Tiefe. Sie ist funktional. Aber Bacon macht das Funktionale glaubwürdig.
Bewertung: 7/10
John Goodman als Polizeichef Ed Davis
Goodman ist in Boston einer der wenigen Darsteller, bei dem man nicht das Gefühl hat, dass die Rolle ihn formt – sondern dass er die Rolle mit etwas füllt, das über den Text hinausgeht. Ed Davis ist eine reale Figur, und Goodman verleiht ihm eine Art müder Würde: ein Mann, der Entscheidungen trifft, weil er es muss, nicht weil er der Held sein will.
Das ist selten in einem Film dieser Art. Hier wird kein Patriotismus gespielt. Hier wird Verantwortung getragen. Der Unterschied ist subtil, aber er macht sich bemerkbar.
Bewertung: 7/10
J.K. Simmons als Sergeant Jeffrey Pugliese
J.K. Simmons ist ein Schauspieler, dem man ansieht, dass er wenig Interesse an Eitelkeit hat. Er spielt Pugliese – eine reale Person aus Watertown, Massachusetts – mit einer Erdigkeit, die dem Film gut tut. Keine große Rede, kein dramatischer Moment um seiner selbst willen. Nur ein Mann, der seinen Job macht und dabei echter wirkt als viele der zentraleren Figuren.
In einer Nebenrolle kann man wenig falsch machen, wenn man so präzise ist wie Simmons. Aber es ist trotzdem eine Leistung, die auffällt.
Bewertung: 7/10
Wer sich für Casting-Entscheidungen in anderen Ensemblefilmen interessiert, findet im Artikel über die Besetzung von Spider-Man 3 einen weiteren analytischen Vergleichspunkt.
Nebenrollen – echte Figuren oder bloße Funktionen?
Die Nebenrollen in Boston sind das, was sie in den meisten Ensemble-Thrillern dieser Sorte sind: teils lebendige Charaktermomente, teils narrative Platzhalter.
Michelle Monaghan als Carol Saunders – Tommy Saunders’ Ehefrau – ist das deutlichste Beispiel für eine Figur, die existiert, um Emotionen zu spiegeln, nicht um selbst eine zu haben. Sie ist besorgt. Sie ist stark. Sie wartet. Das ist kein Vorwurf an Monaghan, sondern an das Drehbuch. Die Figur hat keine eigene Geschichte.
Interessanter ist Jimmy O. Yang als Dun Meng, das reale Opfer, das von den Tsarnaev-Brüdern entführt und schließlich zu einem entscheidenden Faktor bei ihrer Identifizierung wird. Diese Szene hat eine Intensität, die den Film kurzzeitig aus seinem Action-Rhythmus herausreißt – weil hier ein Mensch sichtbar ist, kein Symbol.
Alex Wolff und Themo Melikidze als die Tsarnaev-Brüder sind eine der mutigeren Entscheidungen des Films. Dzhokhar Tsarnaev als jungen, fast desinteressierten Mann zu zeigen – ruhig, beinahe banal – ist beunruhigender als jede theatralische Darstellung von Böse. Wolff trägt das überzeugend. Melikidze als Tamerlan bleibt etwas eindimensionaler, aber die Figur selbst lässt wenig Raum.
Filmografie – Entwicklung oder Stillstand?
Mark Wahlberg
- Lone Survivor (Peter Berg) – True-Story-Thriller, thematisch und stilistisch verwandt mit Boston
- Boston / Patriots Day (2016) – Vertiefung einer bereits etablierten Zusammenarbeit mit Peter Berg
Wahlberg hat bewiesen, dass er im True-Story-Thriller-Genre zuhause ist. Boston ist im Grunde eine Fortsetzung dieser Zusammenarbeit – thematisch, stilistisch, strukturell. Das ist kein Wachstum, das ist eine Vertiefung einer Nische. Wahlberg ist gut in diesem Format. Die Frage ist, ob er sich darin eingerichtet hat.
Kevin Bacon
- Boston / Patriots Day (2016) – solide Nebenrolle als FBI-Ermittler
Bacon hat eine Karriere, die von Vielseitigkeit geprägt ist. Boston ist für ihn kein Risiko – er spielt etwas, das er kann, und er spielt es gut. Wenig Überraschung, aber auch wenig Enttäuschung.
John Goodman
- Boston / Patriots Day (2016) – dramatische Hauptnebenrolle als Polizeichef Ed Davis
Goodman ist seit Jahrzehnten eines der verlässlichsten Elemente im amerikanischen Kino. Dass er in Boston nicht als Komiker auftritt, sondern als ernsthafter dramatischer Spieler, zeigt, was er kann – und was seine Filmografie immer wieder andeutet, ohne dass das breite Publikum es immer registriert.
J.K. Simmons
- Whiplash – Oscar-prämierte Leistung
- Boston / Patriots Day (2016) – zurückhaltende, erdige Nebenrolle als Sergeant Jeffrey Pugliese
Simmons hat nach seinem Oscar für Whiplash eine Phase, in der er offensichtlich Projekte wählt, die er respektiert. Boston passt in dieses Bild: solide, ernsthaft, ohne Selbstdarstellung.
Einen weiteren Vergleich zur Ensembledynamik in Genrefilmen bietet der Artikel über die Besetzung von Final Destination 5.
Funktioniert das Ensemble als glaubwürdige Einheit?
Das ist die entscheidende Frage bei einem Film wie Boston, der auf dem Papier ein Ensemblestück sein will – ein kollektives Porträt einer Stadt unter Druck.
Die ehrliche Antwort: halbwegs.
Das Problem ist die Hierarchie. Wahlberg ist so klar das Zentrum des Films, dass die anderen Figuren immer in Relation zu ihm stehen – nicht zueinander. Das verhindert, dass das Ensemble wirklich als Einheit wahrnehmbar ist. Man sieht sehr gute Einzelleistungen. Man sieht kein organisch gewachsenes Kollektiv.
Wo der Film tatsächlich Ensemble-Momente hat – besonders in den Szenen, die die Ermittlungsarbeit zeigen, wo Bacon und Goodman interagieren – funktioniert die Chemie. Dort entsteht kurz das Gefühl eines Films, der mehr ist als die Summe seiner Stars. Aber diese Momente sind seltener, als man sich wünschen würde.
Wenn die Aussage die Geschichte verdrängt – ein wiederkehrendes Problem?
Boston leidet an einem Problem, das viele True-Story-Produktionen betrifft: Der Film weiß, was er sagen will, bevor er weiß, wie er es zeigen will.
Das Statement – Boston Strong, Widerstandskraft, Gemeinschaft, amerikanische Resilienz – ist von Anfang an beschlossen. Das merkt man. Nicht in einer unangenehmen oder propagandistischen Weise, aber es merkt man daran, dass bestimmte Momente mehr Bedeutung tragen, als sie natürlich erzählen. Manche Szenen fühlen sich an wie Illustrationen einer These, nicht wie Ausschnitte aus einer lebendigen Realität.
Das ist das Grunddilemma des modernen Thriller-Dramas, das auf realen Ereignissen basiert: Die Wirklichkeit ist chaotisch, widersprüchlich, moralisch unübersichtlich. Dramatische Erzählung braucht Struktur, Richtung, emotionale Zielpunkte. Wenn man beides in Einklang bringen will, braucht man sehr gute Schreibarbeit und die Bereitschaft, Unannehmlichkeiten im Material stehen zu lassen.
Boston ist in dieser Hinsicht nicht mutig genug. Der Film traut seiner Geschichte nicht ganz – er will sicherstellen, dass der Zuschauer am Ende das Richtige fühlt. Das ist verständlich. Es ist auch das, was den Film um eine halbe Stufe Größe bringt, die er hätte erreichen können.
Die Besetzung kann das nicht kompensieren – und das ist keine Schwäche der Schauspieler. Das ist eine Schwäche der Konzeption.
Häufig gestellte Fragen
Wer spielt in Boston (Film) die Hauptrolle?
Mark Wahlberg spielt Sergeant Tommy Saunders, den fiktionalen Hauptcharakter, der als dramaturgischer Anker des Films dient. Er steht im Mittelpunkt der Besetzung von Boston.
Wer spielt die Tsarnaev-Brüder in Boston (Film)?
Dzhokhar Tsarnaev wird von Alex Wolff gespielt, Tamerlan Tsarnaev von Themo Melikidze. Beide Rollen sind zurückhaltend gezeichnet – besonders Wolffs Darstellung des jüngeren Bruders wirkt unheimlich gerade durch ihre Unauffälligkeit.
Welche Schauspieler liefern die stärksten Leistungen in Boston (Film)?
John Goodman als Polizeichef Ed Davis und J.K. Simmons als Sergeant Jeffrey Pugliese gehören zu den überzeugendsten Momenten der Besetzung – beide spielen mit einer Erdigkeit, die dem Film gut tut.
Lohnt sich Boston (Film) trotz der Schwächen in der Charakterzeichnung?
Als Thriller ist Boston kompetent inszeniert und gut gespielt. Wer eine handwerklich solide Aufarbeitung des Bombenanschlags beim Boston-Marathon 2013 sucht, wird nicht enttäuscht. Wer tiefe, ambivalente Charakterstudien erwartet, könnte das Gefühl haben, dass der Film zu viel Statement und zu wenig Geschichte bietet.
Ist Tommy Saunders eine reale Person?
Nein. Tommy Saunders ist eine fiktionale Figur – ein kompositorischer Charakter, der für den Film erschaffen wurde, um verschiedene reale Perspektiven zu bündeln. Das ist dramaturgisch verständlich, aber es erklärt auch, warum die Figur trotz Wahlbergs Leistung nie ganz greifbar wird.




