Es gibt Filme, die man nicht vergisst – und solche, bei denen man sich fragt, ob man sie vergessen möchte. Fatih Akins Der Goldene Handschuh aus dem Jahr 2019, basierend auf dem Roman von Heinz Strunk, gehört zu beiden Kategorien gleichzeitig. Der deutsche Kinofilm erzählt die Geschichte von Fritz Honka, einem Serienmörder, der in den 1970er Jahren im Hamburger Rotlichtviertel rund um die Reeperbahn und St. Pauli mehrere Frauen tötete. Die Handlung ist eng an den gleichnamigen Hamburger Kiez-Treffpunkt geknüpft, in dem sich das gesellschaftliche Randständige verdichtet – Alkohol, Einsamkeit, Gewalt.
Was diesen Kinofilm von Beginn an begleitet, ist eine Diskussion, die selten so offen geführt wird: Wann ist eine Besetzung ein dramaturgisches Mittel – und wann ist sie vor allem eine Ansage? Die Besetzung von Der Goldene Handschuh lässt diese Frage nicht vollständig ruhen. Das Cast ist hochkarätig, das Makeup extremistisch, die Absicht spürbar. Aber funktioniert das auch als Film?
Die Besetzung von Der Goldene Handschuh – zwischen Anspruch und Konstruktion
Fatih Akin hat sich für seine Literaturverfilmung viel vorgenommen. Der Regisseur und Drehbuchautor wollte offenbar keine komfortable Annäherung an das Thema Serienmord – keine psychologische Tiefenstudie mit ordentlicher Dramaturgie, sondern etwas Roheres, Schmutzigeres. Das ist legitim. Die Frage ist, ob die Besetzungsentscheidungen diesem Anspruch gerecht werden – oder ob sie ihn gelegentlich ersetzen.
Der Cast von Der Goldene Handschuh ist in seiner Zusammensetzung interessant. Man hat auf bekannte deutsche Charakterdarsteller gesetzt, auf Gesichter, die Verlässlichkeit und Substanz versprechen. Das funktioniert in Teilen. In anderen Teilen spürt man, dass das Ensemble weniger aus der inneren Logik der Figuren heraus gewählt wurde, sondern aus einem äußeren Konzept: Wie sieht das aus? Was sagt das über uns als Produktion?
Das ist kein Vorwurf im moralischen Sinne. Es ist eine nüchterne Beobachtung: Wenn das Makeup zum eigentlichen Thema wird, wenn die körperliche Transformation eines Darstellers mehr Aufmerksamkeit erhält als die psychologische Substanz der Figur – dann hat man ein Problem. Nicht immer, aber oft genug, um es anzumerken.
Was an der Besetzung des deutschen Films funktioniert: Die Nebenrollen. Gerade in den kleineren Figuren des Hamburger Kiez lebt das Ensemble, dort wo es weniger zu beweisen gibt. Was weniger funktioniert: Der Drang zur totalen Transformation, der stellenweise die Figuren in Kostüme verwandelt statt in Menschen.
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Tabelle der Besetzung mit Bewertung
| Schauspieler | Rolle | Bewertung | Kommentar |
|---|---|---|---|
| Jonas Dassler | Fritz Honka | 8/10 | Körperlich radikal, psychologisch manchmal eindimensional. Mut zur Hässlichkeit ist keine Leistung – aber was er draus macht, ist es. |
| Margarete Tiesel | Gerda Voss | 7/10 | Überzeugend in ihrer Abgehalftheit. Eine der wenigen Figuren, die sich wie ein Mensch anfühlt. |
| Marc Hosemann | Willi | 6/10 | Solide Nebenrolle, funktioniert im Kontext, bleibt aber Funktion. |
| Trude Preußner | Helga | 6/10 | Authentisch in Typ und Ton, kaum dramaturgische Entwicklung. |
| Adam Bousdoukos | Pete | 5/10 | Bekanntes Gesicht aus Akins Universum. Wirkung routiniert. |
| Victoria Schulz | Petra | 6/10 | Bringt Kontrast ins Milieu. Rolle bleibt skizzenhaft. |
| Catrina Stemmer | Hanne | 5/10 | Wenig Spielraum, den sie bekommt. Nutzt ihn im Rahmen des Möglichen. |
| Uwe Rohde | Tommi | 5/10 | Atmosphärisch passend, inhaltlich dünn. |
Die Hauptdarsteller im Fokus
Jonas Dassler als Fritz Honka
Jonas Dassler ist der Kern dieser Produktion – und er weiß das. Die Schminkmaske, die aus dem jungen Darsteller einen entstellten, verfallenen Mann macht, ist handwerklich bemerkenswert. Das ist keine Frage. Aber Dassler verdient auch jenseits der Maske eine ehrliche Betrachtung.
Was er leistet: Er trägt eine Figur, die in jeder anderen Besetzung kollabiert wäre. Fritz Honka ist kein faszinierender Bösewicht im klassischen Sinne, kein Hannibal Lecter mit Esprit. Er ist banal, abgestoßen von sich selbst, gefangen in Alkohol und Gewalt. Dassler vermeidet die Falle der Karikatur – meistens. Wenn er in den ruhigen Momenten sitzt, trinkt, schaut, ohne Erklärung, ohne Kommentar – da lebt die Figur.
Das Problem: Sobald das Drehbuch eine klare Szene vorschreibt, sobald Fritz Honka Bedeutung tragen soll, verliert Dassler den Boden unter den Füßen. Nicht weil er schlecht spielt, sondern weil das Drehbuch ihn zum Symbol macht. Und Symbole sind keine Menschen.
Bewertung: 8/10
Margarete Tiesel als Gerda Voss
Tiesel ist die heimliche Entdeckung dieser Besetzung. Sie spielt Gerda Voss ohne Eitelkeit, ohne Distanz, ohne das Gefühl, eine Rolle zu spielen. Das ist seltener als man denkt. Ihre Figur bewegt sich in einem Milieu, das leicht zur Kulisse werden kann – zum folkloristischen Elend, das man aus sicherer Distanz betrachtet. Tiesel macht das nicht. Sie ist mittendrin.
Was fehlt: Entwicklung. Die Figur hat einen Anfang, aber kaum einen Bogen. Das ist mehr ein Drehbuchproblem als ein Schauspieelproblem. Aber es kostet Punkte.
Bewertung: 7/10
Marc Hosemann als Willi
Hosemann ist ein verlässlicher Charakterdarsteller des deutschen Films, und das sieht man hier. Willi ist kein komplexer Charakter – er ist Atmosphäre, er ist Milieu, er ist Repräsentation. Das ist nicht wertlos. Aber es ist auch nicht besonders. Hosemann liefert das Erwartete, solide und ohne Überraschungen.
Bewertung: 6/10
Einen ähnlichen Blick auf Ensemble und Casting bietet auch der Artikel zur Besetzung von Manta Manta.
Nebenrollen – echte Figuren oder bloße Funktionen?
In einem Film wie Der Goldene Handschuh übernehmen die Nebenrollen eine besondere Aufgabe: Sie sollen die Welt des Hamburger Kiez glaubwürdig machen, den Serienmörder in ein menschliches Umfeld einbetten und gleichzeitig die gesellschaftliche Dimension der Geschichte tragen. Das ist viel verlangt.
Trude Preußner als Helga erfüllt das atmosphärisch. Sie wirkt echt – in Kleidung, in Sprache, in Haltung. Das ist Casting aus Überzeugung, nicht aus Kalkül. Ähnliches gilt für Catrina Stemmer als Hanne: Wenig Spielraum, ehrlich genutzt.
Schwächer wird es dort, wo die Figuren narrativ zu eindeutig positioniert sind – wenn man genau spürt, dass eine Figur da ist, um etwas zu bedeuten. Adam Bousdoukos als Pete ist ein gutes Beispiel dafür: Er ist Bestandteil des Akin-Universums, sein Auftauchen ist fast ein Zitat aus anderen Filmen, und das nimmt der Rolle ihre Spontaneität.
Das Ensemble der Nebenrollen ist in der Summe sein Geld wert – aber es gibt kaum eine Figur in diesem Cast, die über ihre Funktion hinauswächst. Das Milieu-Drama will Realismus, liefert aber oft gut gestylten Realismus. Das ist ein Unterschied.
Filmografie – Entwicklung oder Stillstand?
Jonas Dassler ist nach Der Goldene Handschuh zu einem festen Namen im deutschen Film geworden. Die Transformationsrolle als Fritz Honka hat ihn etabliert – vielleicht auch etwas zu eindeutig. Wenn eine Hauptrolle so dominant ist, läuft ein junger Schauspieler Gefahr, daran gemessen zu werden, was er bereit ist, mit seinem Körper zu tun, statt was er inhaltlich zu bieten hat. Das wäre schade.
- Der Goldene Handschuh (2019) – Fritz Honka
Margarete Tiesel hat eine lange Filmografie, die zeigt: Sie ist kein Newcomer, sondern eine Charakterdarstellerin mit Substanz. Der Goldene Handschuh ist für sie weniger Durchbruch als Bestätigung. Das hat seinen eigenen Wert.
- Der Goldene Handschuh (2019) – Gerda Voss
Marc Hosemann bewegt sich seit Jahren in einem ähnlichen Radius – verlässlicher Nebenrollenspieler, gelegentlich mehr. Der Goldene Handschuh fügt seiner Karriere einen weiteren soliden Eintrag hinzu, aber keinen Sprung.
- Der Goldene Handschuh (2019) – Willi
Was diese Filmografien gemeinsam haben: Sie zeigen Schauspieler, die in ihren Nischen gut funktionieren, ohne dass man das Gefühl bekommt, dass die jeweiligen Produktionen – inklusive dieser – sie wirklich herausgefordert haben.
Einen vergleichbaren Blick auf Figurenbesetzung und Ensembledynamik ermöglicht auch der Artikel zur Besetzung von Der Pfau.
Funktioniert das Ensemble als glaubwürdige Einheit?
Die ehrliche Antwort: bedingt.
Das Ensemble von Der Goldene Handschuh funktioniert in den Szenen, in denen Akin seinen Figuren Zeit lässt – in den langen, schmutzigen Momenten im Kneipenmilieu, in den stummen Blicken, in den Szenen ohne klares Ziel. Dort entsteht so etwas wie eine kollektive Atmosphäre, die das Ensemble trägt.
Aber die Chemie zwischen den Darstellern ist ungleich verteilt. Dassler als Honka ist oft eine Insel – in der Mitte der Szene, aber selten wirklich mit jemandem. Das mag dramaturgisch gewollt sein. Honka ist isoliert, fremd, abgesondert. Aber es hat seinen Preis: Das Ensemble wirkt nicht wie eine Gemeinschaft, die ein Schicksal teilt, sondern wie einzelne Figuren in einem gemeinsamen Rahmen. Ob das genügt, hängt davon ab, was man erwartet.
Wenn die Aussage die Geschichte verdrängt – ein wiederkehrendes Problem
Das ist der Punkt, an dem eine ehrliche Filmkritik unbequem werden muss.
Der Goldene Handschuh ist ein Film mit einer klaren Aussage über gesellschaftliches Elend, über die unsichtbaren Opfer des Wirtschaftswunders, über den Hamburger Kiez als Ort, an dem Menschen vergessen werden. Das ist ein legitimes Thema. Heinz Strunks Roman hat es mit Schärfe und schwarzem Humor behandelt, ohne Moral zu predigen.
Akins Literaturverfilmung ist weniger zurückhaltend. Die Schminkmaske, das extreme Milieu-Setting, die ostentative Rohheit – das alles signalisiert: Schaut her, das ist echter Stoff, das traut sich etwas. Und das ist genau das Problem. Wenn ein Film anfängt, mehr damit beschäftigt zu sein, mutig zu wirken, als mutig zu sein, verliert er an Substanz.
Das ist kein spezifisches Versagen von Der Goldene Handschuh – es ist ein Muster im deutschen Kino und darüber hinaus. Die Berlinale 2019 hat den Film ins Programm genommen, der Deutsche Filmpreis hat ihn beachtet. Das zeigt, dass das Kalkül aufgegangen ist. Aber Auszeichnungen sind kein Beweis für erzählerische Qualität.
Ein Serienmörder-Drama, das seine Figuren so exzessiv entstellt, dass das Publikum auf Distanz geht, hat ein Problem. Nicht weil Distanz per se falsch ist, sondern weil dieser Film gleichzeitig Nähe verspricht – echte Nähe zu den Opfern, zum Täter, zum Milieu. Und das löst er nicht ein.
Die Besetzung von Der Goldene Handschuh ist symptomatisch dafür: gut ausgewählt, handwerklich stark, aber letztlich dem Konzept untergeordnet. Schauspieler werden zu Trägern einer Aussage. Das ist effizienter als gutes Kino – aber es ist auch weniger.
Häufig gestellte Fragen zur Besetzung von Der Goldene Handschuh
Wer spielt in Der Goldene Handschuh die Hauptrolle?
Jonas Dassler spielt Fritz Honka, den Hamburger Serienmörder aus den 1970er Jahren. Die Rolle erforderte eine aufwändige Schminkmaske und eine extreme körperliche Transformation.
Wer sind die weiteren wichtigen Schauspieler im Cast?
Zur Besetzung von Der Goldene Handschuh gehören unter anderem Margarete Tiesel als Gerda Voss, Marc Hosemann als Willi, Trude Preußner als Helga, Victoria Schulz als Petra und Adam Bousdoukos als Pete.
Welche Darstellerleistung überzeugt am meisten?
Jonas Dassler in der Hauptrolle verdient trotz aller Einschränkungen die höchste Bewertung – nicht wegen der Maske, sondern wegen der Momente, in denen er die Figur jenseits des Konzepts trägt. Margarete Tiesel als Gerda Voss ist die überzeugendste Nebenrolle.
Ist Der Goldene Handschuh sehenswert?
Das hängt von der Erwartungshaltung ab. Wer ein konsequentes, ungeschöntes Milieu-Drama sucht, findet hier vieles. Wer eine psychologisch tiefe Charakterstudie erwartet, wird enttäuscht. Der Film ist handwerklich stark, dramaturgisch ungleichmäßig.
Hat der Film Preise gewonnen?
Ja. Der Goldene Handschuh wurde beim Deutschen Filmpreis nominiert und war Teil des Berlinale-Programms 2019. Jonas Dassler erhielt Auszeichnungen für seine Darstellung.
Basiert der Film auf einem echten Fall?
Ja. Der Film ist eine Literaturverfilmung des Romans von Heinz Strunk, der wiederum auf dem realen Fall des Hamburger Serienmörders Fritz Honka basiert, der in den 1970er Jahren mehrere Frauen im Umfeld der Reeperbahn tötete.




