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Reallöhne in Deutschland steigen im zweiten Quartal 2026 um 1,5 Prozent — Nominallöhne um 4,1 Prozent
Von Redaktion Direkt Fokus··Menschen

Die Löhne in Deutschland sind im zweiten Quartal 2026 stärker gestiegen als die Preise: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes lagen die Nominalverdienste um 4,1 Prozent über dem Vorjahresquartal, die Verbraucherpreise um 2,5 Prozent — daraus ergibt sich ein Reallohnplus von 1,5 Prozent. Am stärksten legten die Verdienste dort zu, wo sie am niedrigsten sind: Im untersten Verdienstfünftel der Vollzeitbeschäftigten stiegen die Bruttomonatsverdienste um 6,7 Prozent, im obersten Fünftel um 3,3 Prozent.
Wie sicher ist der Reallohnanstieg im zweiten Quartal 2026?
Die Zahl stammt aus der Verdiensterhebung des Statistischen Bundesamtes, die die Bruttomonatsverdienste einschließlich Sonderzahlungen aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erfasst — also das, was tatsächlich überwiesen wurde, nicht das, was vereinbart war. Der Anstieg steht nicht allein: Für das erste Quartal 2026 hatte die Behörde ein Reallohnplus von 1,8 Prozent ausgewiesen, für das gesamte Jahr 2025 eines von 1,9 Prozent und für 2024 eines von 3,1 Prozent, dem stärksten seit Beginn der Zeitreihe im Jahr 2008. Vorausgegangen waren die Rückgänge der Jahre 2020 bis 2023, als die Preise schneller stiegen als die Löhne.
Warum nennt das WSI-Tarifarchiv nur 0,7 Prozent und das Statistische Bundesamt 1,5?
Beide Zahlen sind richtig, weil sie Verschiedenes messen. Das WSI-Tarifarchiv der Hans-Böckler-Stiftung rechnet nicht mit gezahlten Verdiensten, sondern mit tariflich vereinbarten Vergütungen: Nach den bis Ende Juni vorliegenden Abschlüssen steigen die Tariflöhne 2026 nominal um 3,1 Prozent, bei einem Preisanstieg von 2,4 Prozent im ersten Halbjahr also real um 0,7 Prozent. Drei Unterschiede erklären die Lücke zum Bundesamt — und keine der beiden Quellen benennt sie selbst. Erstens der Gegenstand: Der Tarifindex kennt keine Sonderzahlungen, keine übertariflichen Zulagen und keine Verschiebungen in der Beschäftigungsstruktur, die im Effektivverdienst mitlaufen. Zweitens der Zeitraum: Das Bundesamt vergleicht ein einzelnes Quartal, das WSI schätzt ein ganzes Jahr. Drittens der Preismaßstab: 2,5 Prozent im Quartal gegenüber 2,4 Prozent im Halbjahr. Praktisch heißt das: Die Tariflinie ist die Untergrenze, die Effektivverdienste liegen darüber — und beide Linien zeigen 2026 nach oben. Genau das macht den Befund belastbar, denn er hängt nicht an einer einzigen Erhebung.
Wer hat am meisten gewonnen — die unteren oder die oberen Einkommen?
Die unteren. Das unterste Verdienstfünftel der Vollzeitbeschäftigten verzeichnete mit 6,7 Prozent wiederholt die stärksten Zuwächse, das oberste Fünftel mit 3,3 Prozent die schwächsten. Rechnet man die Preissteigerung von 2,5 Prozent grob heraus, bleibt unten ein reales Plus von rund vier Prozent und oben von knapp einem Prozent. Auszubildende kamen auf 6,0 Prozent, geringfügig Beschäftigte auf 4,7 Prozent. Die Spreizung ist kein Zufall der Konjunktur: Auch die Tarifrunde zielt nach unten, etwa in der Landwirtschaft, wo die Gewerkschaft laut WSI 15,0 Prozent fordert, während die meisten Branchen zwischen 5,0 und 7,0 Prozent verlangen.
In welchen Branchen blieben die Löhne hinter den Preisen zurück?
Überdurchschnittlich stiegen die Nominalverdienste in der Land- und Forstwirtschaft samt Fischerei (+8,9 Prozent), in der Energieversorgung (+7,6 Prozent) und bei Finanz- und Versicherungsdienstleistungen (+7,5 Prozent). Am unteren Ende liegen Kunst, Unterhaltung und Erholung (+3,4 Prozent), Erziehung und Unterricht (+2,4 Prozent) sowie freiberufliche, wissenschaftliche und technische Dienstleistungen (+1,8 Prozent). Bei einem Preisanstieg von 2,5 Prozent bedeutet das: In den beiden letztgenannten Bereichen ist die Kaufkraft der Verdienste im zweiten Quartal 2026 nicht gewachsen, sondern geschrumpft. Der bundesweite Durchschnitt verdeckt also Branchen, für die der Reallohnanstieg gar nicht stattgefunden hat.
Was ist damit noch nicht gelöst?
Die Verluste der Hochinflationsjahre sind nicht aufgeholt. Das WSI hält ausdrücklich fest, dass die Reallohneinbußen der Jahre 2021 bis 2023 gegenüber dem Stand von 2020 bislang nicht vollständig ausgeglichen sind — drei Jahre mit Zuwächsen haben das Niveau also noch nicht wieder erreicht. Offen ist außerdem die Tarifrunde selbst: Die großen Verhandlungen im Einzelhandel und in der Metall- und Elektroindustrie stehen noch aus und können das Jahresergebnis 2026 deutlich verändern; Erhöhungen für mehr als 15 Millionen Beschäftigte sind bislang vereinbart, bei Abschlüssen von durchschnittlich 5,6 Prozent auf 25,9 Monate Laufzeit. Und höhere Löhne sind nicht dasselbe wie mehr Arbeit: Die Bundesagentur für Arbeit zählte im August 2026 3.061.000 Arbeitslose, 36.000 mehr als ein Jahr zuvor, bei einer Quote von 6,5 Prozent; die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung lag mit 34,81 Millionen um 73.000 unter dem Vorjahreswert. Ein Gegenzeichen gibt es dort allerdings auch: 656.000 gemeldete Arbeitsstellen, 25.000 mehr als im Vorjahr.
Quellen
Dieser Artikel stützt sich auf drei voneinander unabhängige Quellen:
- Statistisches Bundesamt: Reallöhne im 2. Quartal 2026 um 1,5 % höher als im Vorjahresquartal (Pressemitteilung Nr. 308 vom 27. August 2026) (Primärquelle)
- WSI-Tarifarchiv der Hans-Böckler-Stiftung: Tariflöhne steigen 2026 nach den bislang vorliegenden Abschlüssen nominal um 3,1 Prozent — inflationsbereinigt ein Reallohnzuwachs von 0,7 Prozent (25. August 2026) (unabhängige Quelle)
- Bundesagentur für Arbeit: Der Arbeitsmarkt im August 2026 — Kaum Dynamik in der Sommerpause (Presseinfo Nr. 31 vom 28. August 2026) (unabhängige Quelle)