Arten · Schweiz
Zum zweiten Mal in Folge ist im St. Galler Taminatal ein wild geborener Bartgeier ausgeflogen
Von Redaktion Direkt Fokus··Natur

Im Taminatal im Kanton St. Gallen ist zum zweiten Mal in Folge ein wild geborener Bartgeier flügge geworden und hat den Horst verlassen. Nach der ersten nachgewiesenen Brut im Vorjahr gilt damit als belegt, was Fachleute vorsichtig formuliert hatten: Die Art etabliert sich im Kanton. Die Stiftung Pro Bartgeier meldete den Ausflug am 20. Juli 2026, das kantonale Amt bestätigte ihn wenig später.
Warum ist die zweite Brut wichtiger als die erste?
Weil eine einzelne erfolgreiche Brut auch Zufall sein kann, zwei in Folge dagegen auf ein funktionierendes Revier hindeuten. Bartgeier ziehen in der Regel nur ein Junges pro Jahr groß und beginnen erst mit acht bis zehn Jahren zu brüten. Ein Paar, das zweimal hintereinander erfolgreich ist, hat Nahrung, Ruhe und einen geeigneten Felshorst — die drei Bedingungen, an denen die Wiederansiedlung in den Alpen jahrzehntelang gescheitert war.
Wer sind die Eltern dieses Vogels?
Der Vater heißt Noel-Leya und war selbst einer von zwölf Jungvögeln, die zwischen 2010 und 2014 im Calfeisental ausgewildert wurden. Der Kanton St. Gallen hatte sich in diesen Jahren am nationalen Wiederansiedlungsprojekt beteiligt. Nach Einschätzung der Fachleute hat dasselbe Brutpaar wie im Vorjahr erneut erfolgreich gebrütet.
Damit schließt sich ein Kreis, der zwölf Jahre gebraucht hat: Ein Vogel, der von Menschen aus einer Zuchtstation in eine Felsnische gesetzt wurde, zieht heute selbst Nachwuchs in freier Wildbahn groß. Genau das — nicht die Zahl der Freilassungen — ist der Punkt, an dem ein Wiederansiedlungsprojekt anfängt, sich selbst zu tragen.
Wie steht es um den Bestand in der Schweiz?
In der Schweiz bestehen heute 35 erfolgreiche Brutterritorien. Der Bartgeier war im Alpenraum um 1900 vollständig ausgerottet worden — der letzte Schweizer Vogel wurde 1886 im Wallis geschossen. Die Wiederansiedlung begann 1986 mit Freilassungen aus Zuchtprogrammen; die erste Brut in freier Wildbahn gelang 1997. Von der Ausrottung bis zur ersten wilden Brut vergingen rund hundert Jahre, von der ersten wilden Brut bis zu 35 Brutterritorien knapp dreißig.
Was ist damit noch nicht gesichert?
Die Reproduktionsrate bleibt niedrig, und einzelne Verluste wiegen schwer. Ein Paar mit einem Jungvogel pro Jahr kann Ausfälle nicht schnell ausgleichen: Bleivergiftung durch Munitionsreste im Aas, Kollisionen mit Seilbahnen und Leitungen sowie Störungen am Horst durch Freizeitbetrieb bleiben die dokumentierten Todesursachen. Ein Bestand von 35 Brutterritorien in der Schweiz ist eine Erholung, aber keine Sicherheit.
Hinzu kommt, dass die alpine Population genetisch auf einer schmalen Basis steht: Alle heute frei lebenden Bartgeier der Alpen gehen auf eine begrenzte Zahl von Zuchtvögeln zurück. Der Austausch zwischen den Teilpopulationen in Frankreich, der Schweiz, Italien und Österreich ist deshalb kein Nebenaspekt, sondern die Voraussetzung dafür, dass aus vielen kleinen Vorkommen eine tragfähige Population wird.
Woran erkennt man einen Bartgeier?
Am Format und an der Ernährung. Mit bis zu 2,90 Metern Spannweite ist er einer der größten Greifvögel Europas; erwachsene Vögel tragen ein rostrot gefärbtes Brustgefieder, das sie sich durch Bäder in eisenhaltigem Schlamm selbst zulegen. Er jagt nicht, sondern lebt fast ausschließlich von Knochen, die er aus der Höhe auf Felsplatten fallen lässt, um an das Mark zu kommen — eine Spezialisierung, die ihn im Alpenraum konkurrenzlos macht und zugleich anfällig für alles, was sich im Aas anreichert.
Quellen
Dieser Artikel stützt sich auf zwei voneinander unabhängige Quellen: